Mit Weisheit in Führung gehen

Was ist Spirituelle Intelligenz?

Spirituelle Intelligenz – was ist denn das? Mit einem ungläubigen Staunen werde ich manchmal angeschaut, wenn ich erzähle, dass ich mich mit dem Thema beschäftige. Und wenn ich dann noch hinzufüge, dass ich persönlich das ein besonders spannendes Thema für Führungskräfte halte, weil darin so viel Potential steckt, dann wirkt das noch ungewöhnlicher. Auch wenn der Begriff Spirituelle Intelligenz als solches nicht so neu ist, die Kombination von Spiritueller Intelligenz und Führungshandeln schon. Es scheint noch zu fremd zu sein, diese scheinbar gegensätzlichen Welten eines leitenden Handelns im Außen und der zentrierten Fokussierung nach Innen zusammen zu bringen. Nur ob sie wirklich so gegensätzlich sind, wie wir es manchmal zu glauben meinen?

Es ist in der Tat ein neueres Thema, das sich so langsam erst seinen Weg an die Oberfläche bahnt. Dana Zohar, britische Managementberaterin, nannte es in dem Buch, das sie 2009 zum Thema herausgab, SQ – das unentdeckte Potential. Was aber verbirgt sich hinter Spiritueller Intelligenz?

Bevor ich mehr dazu schreibe, eine Frage an Sie: 
Wenn Sie gefragt würden, welche Menschen für Sie über beeindruckende, inspirierende Qualitäten verfügen – wer fällt Ihnen ein? Welche Qualitäten schreiben Sie diesen Menschen zu? Was genau unterscheidet sie von so vielen anderen?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Ihnen hierzu Persönlichkeiten einfallen und Sie auch Qualitäten benennen können. Denn tief in unserem Inneren haben wir oft eine Ahnung, dass es so etwas wie Spirituelle Intelligenz gibt. 

 

Verstanden wird unter Spiritueller Intelligenz die Fähigkeit in der eigenen Mitte zu sein,

sehr offen und mit Weitsicht das wahrzunehmen, was gerade geschieht und im Wissen um eine Anbindung an eine Kraft, die größer ist als wir selber (manche nennen es Schöpfer, andere, Gott, Universum, schöpferischer Impuls…) in der Lage zu sein, das eigene Handeln mit inspirierenden Werten zu verknüpfen. Was wir alle spüren, wenn wir solchen Menschen begegnen: sie tragen ein Potential in sich, das Raum für Entwicklung auch für andere Menschen öffnet. Solche Menschen machen damit dem Begriff „spirituell“ alle Ehre. Denn eigentlich heißt das nichts anderes, als erfüllt sein von einem schöpferisch, kreativen Geist. Für viele Menschen erweisen sich diese inneren, die Persönlichkeit prägenden Fähigkeiten immer mehr zu einer Notwendigkeit in einer zunehmend komplexer werdenden Welt mit immer weniger äußeren Stabilitäten. Ein beeindruckender Film zu diesem Thema – auch in seiner Wirkung auf andere – ist für mich der Film von Rüdiger Sünner, The Tree of Life. Auf den Spuren von Dag Hammarskjöld in Lappland.

 

Spirituelle Intelligenz ist mehr als kognitives Wissen oder eine geheime Wissenschaft!

Gelegentlich finde ich Beiträge im Netz, in denen Menschen Spirituelle Intelligenz beschreiben als die Fähigkeit, sich im Bereich der spirituellen Szene auszukennen und beschreiben zu können, was dort denn anzutreffen ist. Nein, das verbirgt sich nicht hinter Spiritueller Intelligenz. Es geht bei dem Begriff nicht um primär kognitives Wissen. Es geht nicht darum, sich in einem Thema verstandesmäßig gut auszukennen. Ich weiß, der Begriff Intelligenz verleitet dazu. Doch auch Emotionale Intelligenz bedeutet ja nicht, gut und sicher beschreiben zu können, was Emotionen sind, wodurch sie entstehen und welchen Einfluss sie auf uns haben. Emotionale und spirituelle Intelligenz zeigen sich im Handeln, finden Ausdruck in dem, was wir tun. Dahinter verbergen sich Qualitäten und Kompetenzen einer gereiften Persönlichkeit und der damit verbundenen Fähigkeit, sich innerlich zu zentrieren und zentriert zu bleiben, auch unter Stress und Zugang zu haben zur Weisheit des Herzens.

 

Eine andere Fährte – und das hat vielleicht auch dazu geführt, dass der Begriff vielfach noch argwöhnisch betrachtet wird, ist die Nähe zur Esoterik (zumindest dann, wenn man im Netz nach dem Begriff sucht). Spirituelle Intelligenz aber hat weder etwas mit irgendwelchen obskuren Praktiken zu tun, noch ist sie Flucht aus der Welt. Sie ist aber auch nicht ein Verinnerlichen von religiösen Praktiken und der Unterordnung unter Regeln einer Religionsgemeinschaft. Ganz im Gegenteil. Auch völlig ungläubige Menschen können spirituell intelligent handeln.

 

Eine einfache Definition fällt schwer – nicht aber die Beschreibung der Qualitäten

Menschen mit einer hoch entwickelten Spirituellen Intelligenz sind in der Lage, selbst bei äußerlich spannungsreichen Umständen in sich zentriert zu bleiben. Sie verfügen über eine Vision, die ihr Handeln leitet und sind großartig darin andere damit zu inspirieren. In konfliktreichen Situationen können sie widersprüchliche Positionen vereinen. Spaltendes Handeln ist ihnen fremd, so als würden sie das gar nicht kennen. Nur wenn sie den Eindruck haben, hier leben die einen auf Kosten der anderen, dann sind sie sehr pointiert und scharf in ihrer Reaktion. Meistens aber wirken sie, als ob sie nichts aus der Ruhe bringen kann. Sie sind gute Zuhörer, werden als sehr präsent erlebt und scheinen eine unglaubliche Ressource an Kraft zu haben. Man hat den Eindruck, sie kennen ihren Weg und verfolgen ihn konsequent – auch dadurch, dass sie Veränderung leben. Sie sind Menschen, so erleben es andere, deren Nähe gut tut. Wenn das kein Potential für Führungskräfte ist!

Immer wieder begegnen mir im Coaching Menschen, die den Wunsch haben, selber aus sich mehr zu machen. Sie wollen etwas in dieser Welt verändern, wollen einen Beitrag leisten zu einem anderen, besseren Leben für viele. Dahinter steht die Ahnung, dass es möglich ist sich selber zu übertreffen und mehr aus dem eigenen Leben zu machen. Und manchmal auch der Wunsch, aus dem Hamsterrad der Erwartungen anderer auszusteigen und zum Kapitän des eigenen Handelns zu werden.

Die Frage aber, die alle mitbringen: WIE? WIE komme ich dahin? Was für Schritte muss ich gehen? Kann ich selber überhaupt dahin kommen?

So erstaunlich es klingen mag: Die Grundveranlagung zur spirituellen Intelligenz ist in den allermeisten Menschen angelegt. Schon vor Jahrhunderten gab es Menschen, die aus dieser Kraft handelten. Und wenn wir Kinder anschauen, dann können wir einiges davon auch bei ihnen entdecken. Hier ein paar Ideen dazu.

  • Wenn Kinder spielen, sind sie vielfach ganz bei sich, tief versunken. Da gibt es keine Vergangenheit oder Zukunft, nur die Gegenwart zählt. (Thema: Präsent sein)
  • Viele Kinder haben einen guten Zugang zu ihren Gefühlen, können diese sehr genau wahrnehmen und haben ein Gespür für das soziale Miteinander (Thema: Intuition und Gespür)
  • Etliche Kinder gehen selbstverständlich davon aus, dass es eine größere Kraft gibt, die sie hält und beschützt. (Thema: Essenz)
  • Viele entdecken im Kleinen das Besondere, wohingegen Dinge von Reichtum, Bewunderung oder Prestige ihnen völlig egal sind. (Thema: zum Kern durchdringen)

Dieses sind ein paar Qualitäten, welche im Kontext der Spirituellen Intelligenz von Bedeutung sind. Leider haben wir manches im Zuge des Erwachsen-Werdens verlernt. Dieses gilt es wieder neu zu entdecken und in einen Kontext zu bringen.

 

Spirituelle Intelligenz lässt sich lernen!

Inzwischen wissen wir, dass wir die Kompetenzen, welche zum Gesamtfeld der Spirituellen Intelligenz gehören  a. benennen und b. auch trainieren können. Letztlich müssen wir dafür einen Weg nach Innen gehen, mit und an uns selber arbeiten und diese Arbeit nach Innen ergänzen durch eine Schulung des Umgangs unserer Körperwahrnehmungen und eine kognitive Erweiterung unserer Denkmodelle. Auf diese Weise werden bewusstes Handeln und Intuition, Präsenz und Achtsamkeit, emotionale Meisterschaft und soziale Kompetenzen gefördert. Jedes Teil für sich können wir lernen, alles miteinander verwoben führt zur Spirituellen Intelligenz. Am überzeugendsten fand ich für mich selber auf diesem Weg des Lernens den Ansatz von Cindy Wigglesworth. Sie beschreibt in ihrem Modell 21 Grundkompetenzen (warum es auch SQ 21 genannt wird), welche uns ermöglichen aus der Kraft der Spirituellen Intelligenz zu handeln. Wenn Sie mehr Einzelheiten zu den Kompetenzen erfahren möchten, hier finden Sie eine Übersicht.

 

Spirituelle Intelligenz – eine transformative Kraft

In einer zunehmend unsicheren, sich ständig wandelnden Zeit sind die Kompetenzen der Spirituellen Intelligenz für Führungskräfte nicht nur ein‘ nice to have‘. Sie erweisen sich immer öfter als essentiell, damit wir innerlich die nötige Flexibilität haben, mit den sich wandelnden Lebensbedingungen angemessen umzugehen und die Kraft haben, zukunftsweisend auch gestalterisch zu agieren. Maßgeblich hierfür sind zwei Themenfeldern.

  • Da ist zum einen das Thema der Vision, also ein Ziel haben, das in sich einen Sog auf unser Handeln hat. Sie ist in der Lage unsere innersten Kräfte freizulegen und uns zu inspirieren selbst über uns und unsere Möglichkeiten hinauszuwachsen.
  • Eng hiermit verknüpft ist die Verankerung in unserer Essenz. Die Essenz – andere Wörter sind das Höhere Selbst, das nicht ortsgebundene Selbst, die Kraft des Seins – ermöglicht es uns an ein Wissen anzuknüpfen, das weit über unser ortsgebundenes Ich (vielfach auch Ego genannt) hinausweist. Wenn wir aus der Essenz handeln, aus dem Sein an sich, dann können wir Grenzen überwinden, dann lähmt uns keine Angst, dann hängen wir nicht in Mustern der Vergangenheit fest, verlieren uns aber auch nicht in Träumereien der Zukunft. Dann sind wir frei für das, was einerseits jetzt gerade dran ist, zugleich aber auch zum Wohle der Gemeinschaft langfristig förderlich ist.

Beide zusammen, die Verankerung in der Vision und das Handeln aus der eigenen Essenz, tragen wesentlich zu der transformativen Kraft bei. Dann gelingt es selbst unter schwierigen äußeren Rahmenbedingungen andere Menschen zu begeistern, anzustecken und mitzunehmen. Oft ist es schwer zu beschreiben, was genau vor sich geht, doch wenn Sie einmal solches in einem Menschen erlebt haben, spüren Sie sofort diese verändernde Kraft.

 

 

Bauen Sie Ihren "Muskel" der Spirituellen Intelligenz auf!

Hier können Sie mit dem Training der Spirituellen Intelligenz mit 5 Übungen beginnen.

 

Alles beginnt mit einem ersten kleinen Schritt

Ich schrieb vorher schon: Spirituelle Intelligenz lässt sich lernen. Und wie immer – alles beginnt mit einem ersten kleinen Schritt. Dieses ist kein Sprint, um im Bilde des Sports zu bleiben, vielmehr ein Langstreckenlauf in vielen kleinen Etappen. Um Spirituelle Intelligenz zu trainieren, brauchen wir Ausdauer und kontinuierliches Üben. Eine erste, aber zugleich grundlegende Übung ist die Unterbrechung der normalen Reaktionsmuster auf das, was uns im Außen begegnet. Was nämlich meistens passiert, wenn wir reagieren: wir werden in uns begrenzt auf einen kleinen Ausschnitt unserer Handlungsmöglichkeiten. Wir kommen in eine Art Verteidigungshaltung, fühlen uns eingegrenzt … Eine Übung, um das zu unterbrechen, ist die sogenannte STOP Übung. Und die geht so:

STOP Übung als Unterbrechung der „automatischen“ Reaktion

S = sofort STOP sagen, wenn man spürt, mich erregt etwas (durch das STOP sich einen Moment mehr Zeit verschaffen).
T = Tief durchatmen – 3 x – wirklich versuchen, den Atem in das Herz und den Bauch zu lenken.

O = Offenheit: aufmerksam in sich schauen: was spüre ich wo? Welche Gedanken beschäftigen mich? Nur schauen, nicht bewerten oder wegschieben, einfach sein lassen

P = Passende Antwort finden. Verbindung zum Höheren Selbst (dem göttlichen Teil in uns) aufnehmen. Um eine Antwort bitten, die in dieser Situation hilfreich ist – für mich und den anderen. Manchmal ist eine erste passende Antwort: ich melde mich später dazu (wodurch wir uns Zeit verschaffen, um das Thema noch mal von einer anderen Seite anschauen zu können).

 

Wenn Sie neugierig geworden sind, was alles hinter dieser Übung steckt und was noch so alles möglich ist, das Mini-Trainingsprogramm zum Aufbau des Spirituellen Muskels gibt Ihnen hierzu Anregungen.

Viel Freude und gutes Gelingen!