Zwischen Ego und Essenz unterscheiden

Die Unterscheidungsfähigkeit zwischen Ego und Essenz ist das fundamentale Thema der Spirituellen Intelligenz. Hier entscheidet sich letztlich zu wesentlichen Anteilen, was unser Handeln ausmacht und aus welcher inneren Haltung heraus wir tun, was wir tun.

Diese Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Ego und Essenz ist die 5. Kompetenz der Spirituellen Intelligenz. Und wie bei jedem der einzelnen Themen gibt es auch hier wieder fünf unterschiedliche Level. Jedes Level ist durch je eigene Besonderheiten gekennzeichnet. Jedes Level eröffnet uns einen neuen Blick auf das Thema. Für das Thema „Zwischen Ego und Essenz unterscheiden können“ stellen sich diese Level so dar.

Wie gut sind diese Fähigkeiten entwickelt?

  1. Ich kann zwischen Ego und Essenz trennen und weiß, dass mein Ego-Selbst ein Resultat meiner persönlichen Erfahrungen und Prägungen ist.
  2. Ich weiß, dass es einen Unterschied zwischen den Wünschen meines Egos und meiner Essenz gibt.
  3. Ich kenne in mir Situationen, in denen ich merke, dass mein Ego mal gerade das Heft in die Hand nehmen möchte. Zudem kann ich wahrnehmen, wenn mein Körper Signale von Angst oder Furcht aussendet.
  4. Ich kann die Stimme meines höheren Selbst hören oder im Körper wahrnehmen. Zudem verstehe ich, wie meine Gedanken und Glaubenssätze Furcht oder Ängste produzieren, die ich in mir spüre.
  5. Die Stimme meines Höheren Selbst ist klar und ist die, an der sich mein Handeln ausrichtet.

Was verbirgt sich hinter diesen unterschiedlichen Leveln?

In einem ersten Schritt (Level 1) geht es um die grundsätzliche Unterscheidungsfähigkeit. Wir entdecken hierbei, dass unser Ego ein durch viele Erfahrungen geprägter wesentlicher Teil unserer Persönlichkeit ist. Auf der einen Seite brauchen wir diesen Teil für unsere Identitätsbildung, andererseits ist so typisch für es, dass es immer wieder Geschichten konstruiert darüber, wer wir selber sind. Weil das so und so ist, weil ich diese oder jene Erfahrung gemacht habe, darum …. 

Wer kennt das nicht von uns, dass wir nach Begründungen suchen, warum wir so und nicht anders handeln (können). Dahinter steht das Bedürfnis nach Sicherheit und einer Welt, die für uns Sinn macht. Das Ego ist der Teil unserer Persönlichkeit, welcher untrennbar an diesen Körper gebunden ist, in dem wir leben.

Und die Essenz?

Sie braucht weder die Abgrenzung noch diese Sicherheit. Weil sie zwar ebenso Teil der Person ist, aber nicht in ihr aufgeht noch durch die Geschichte der Person ihre Bedeutung erhält, ist sie frei. Es gibt sie auch jenseits des Individuums. Sie ist zeitlos und unverfügbar für uns.

Gerade diese Freiheit öffnet den Raum der Weite. Manchmal haben wir den Eindruck: sie lebt aus einer Kraftquelle, die so viel mehr ist als wir selber.

Wenn es uns möglich ist, mit den „Augen“ der Essenz auf etwas zu schauen, was uns aus der Balance bringt, dann spüren wir: ich brauche mich nicht angegriffen fühlen. Ich muss hier gar kein Feld verteidigen. Ich kann einfach sein und es sein lassen wie es ist. Unterscheiden können zwischen Ego und Essenz ist darum fundamental für das, wie wir etwas wahrnehmen und wie wir darauf reagieren.

Ein Unterschied zwischen den Wünschen von Ego und Essenz – Level 2

Eng damit zusammen hängt das nächste Level. Weil das Ego viel Freude haben kann und will, zugleich sich aber immer wieder kritisch hinterfragt fühlt, sind die Wünsche daran ausgerichtet: Freiraum haben, nicht angegriffen werden, sich behaupten, nicht in die Ecke gedrängt werden … Was folgt sind vielfach Handlungsweisen, welche dazu führen, dass wir uns abgrenzen gegenüber anderen Menschen, dass wir unseren eigenen Raum verteidigen, vielleicht sogar auf Kosten anderer leben … Das Ego braucht solches. Wie könnte es sonst bestehen?

 

Wie anders die Wünsche der Essenz. Sie sind auf Zusammenarbeit und Miteinander gerichtet, sie sucht die leisen Stimmen und Orte, weiß sich verbunden mit so vielem, was gar nicht in der unmittelbaren Sichtbarkeit ist. Weil sie sich eingebunden weiß in einen so viel größeren Zusammenhang, strebt sie immer wieder danach, solches auch im Alltag zu verwirklichen. Sie sucht nach dem, was das Miteinander fördert.

Ich kenne in mir Situationen, in denen ich merke, dass mein Ego mal gerade das Heft in die Hand nehmen möchte. Zudem kann ich wahrnehmen, wenn mein Körper Signale von Angst oder Furcht aussendet – Level 3

Geht es in Level 1 und 2 mehr um kognitive Fähigkeiten des Unterscheidens, so bringt Level 3 unsere Gefühle ins Spiel. Hier geht es ums Spüren, und zwar manchmal auch binnen Sekundenschnelle. In einer stressigen Situation wahrnehmen, dass das Ego-Ich Warnsignale aussendet, ist gar nicht so einfach. Meistens werden wir von diesen Gefühlen oder Emotionen überrollt. Und ehe wir uns versehen, fangen wir an aus unseren Impulsen heraus zu handeln. Eine wunderbare Übung in diesem Zusammenhang ist die STOP-Übung. Sie hilft uns, genau an der Schwelle, an der das Ego das Heft in die Hand nehmen möchte, aus dem Muster auszusteigen, dass wir nur noch reagieren. Denn genau dazu führen die Angst- oder Furchtsignale, welche unser Körper dann und wann aussendet. Wir reagieren satt zu agieren. Wir verlieren innerlich unsere Freiheit und werden zu Handelnden, die durch das, was sich chemisch in unserem Körper abspielt, gefordert werden. Ein Handeln aus dem entspannten Teil unseres Gehirns ist dann vielfach kaum mehr möglich.

Situationen früh erkennen

Hilfreich ist es, wenn wir aus dem Wissen um uns und unsere Geschichte sehr früh solche Situationen erkennen und passend uns innerlich darauf einstellen können. Damit wir einfach nicht von Situationen kalt erwischt werden, welche unser Ego reizen. Alleine „unsere Schwächen“ (so bezeichnen wir das selber manchmal gerne) zu kennen, ist schon hilfreich. Und ja, die Fähigkeit, Gefühle im Körper schnell wahrzunehmen, zu merken, wenn dort etwas grummelt oder uns nervt, ist absolut förderlich. Nicht allen Menschen gelingt das leicht. Aber fast alle können solches üben und trainieren. Unser Körper ist ein solcher Seismograph, was solche Situationen betrifft, es ist einfach wunderbar

 

Ich kann die inneren Stimmen meines Höheren Selbst hören oder im Körper wahrnehmen – Level 4

Was wir mit Essenz meinen, wird je nach Kontext und Umgebung oft in sehr unterschiedliche Worte gefasst. Die einen sprechen von dem Höheren Selbst, andere wieder von der Inneren Weisheit, wieder andere reden vom wahren Selbst. Was auch immer die Worte sind, die wir dafür finden, die Essenz macht sich auch bemerkbar in uns. Oft viel stiller und leiser als das Ego, manchmal in Form von inneren Stimmen oder innerem Wissen. Manche sprechen hier auch von Intuition. Manche erfahren sie als ein Körpergefühl, das uns beizeiten auf Dinge hinweist.

Können Sie hören, was Ihre Essenz zu Ihnen sagt?

Geben Sie dieser Stimme Beachtung? Können Sie diese Zeichen lesen, die Ihr Körper Ihnen zukommen lässt? Wenn nicht, dann verpassen Sie einen großen Teil an Möglichkeiten und Informationen, die uns allen zur Verfügung stehen. Genau diese frühen und oft subtilen Informationen sind es, die dem Wegweiser an einer Weggabelung gleichen. Einen Moment innehalten, zwischen zwei oder mehr Handlungsmöglichkeiten wählen, eine Entscheidung treffen, die stimmig ist und bei der viele profitieren. All das wird möglich, wenn wir dieser Stimme des Höheren Selbst Raum geben und sie achten.

Kann ich mich darauf verlassen?

Sie mögen einwenden – aber eindeutig ist das keineswegs immer. Wenn es so klar und einfach wäre …! Stimmt, auf die Stimme der Essenz zu hören braucht Übung. Wir müssen diesen „Muskel“ trainieren. Und wir müssen aushalten können, dass auf dem Wege dahin wir dann und wann überrollt werden von Gefühlen, welche uns gar nicht sympathisch sind. So gesehen ist die Essenz nicht zimperlich. Sie mutet uns zu, dass wir keinen Bogen um Angst, Sorgen oder Niedergeschlagenheit machen. Sie mutet uns zu, dass wir auch das aushalten, getragen von dem Wissen, dass die Essenz als solche niemals uns zerstören will. Fast kann man die Essenz wie einen Freund oder eine Freundin beschreiben, die immer genau im richtigen Moment sich melden.

Die Stimme meines Höheren Selbst ist klar und ist die, an der sich mein Handeln ausrichtet – Level 5

Damit führt Level 4 schon zu Level 5 hin. Nach einer Zeit des Übens werden Sie feststellen, dass es immer einfacher wird, mit der eigenen Essenz in Kontakt zu kommen und wahrzunehmen, welche Signale sie aussendet. Das ist keine Geheimniskrämerei. Das ist kein Hexenwerk. Es ist einfach eine entwickelte Sensibilität für eine Kraft, die wir schon immer in uns tragen. In diesem Sinne müssen wir sie nicht entwickeln. Wir müssen nur den Kanal feintunen, denn dieser verstopft bei vielen Menschen im Verlauf der ersten Lebensjahre. Menschen, die sich darin geübt haben, stellen irgendwann fest, dass die Stimme des Höheren Selbst eine kontinuierliche Begleitung in ihrem Leben ist, in jeder Lebenssituation. Sie ist wie eine treue Begleitung, die fortwährend da und auch ansprechbar ist, unabhängig davon, ob wir das nutzen oder nicht.

Und was gewinnen wir damit?

Unsere Chance im diesem kontinuierleichen Kontakt mit der Essenz liegt darin, dass sie uns mit großer Weitsicht und Weisheit in unserem Handeln unterstützt, uns kleine Impulse zusendet, unser Handeln in Richtungen drängt, die uns selber gut tun. Die Begleiterscheinung hiervon: das Ego, das es immer noch in uns als Teil unserer Persönlichkeit gibt, kann sich entspannt zurücklehnen und seiner Kreativität freien Lauf lassen. Denn es spürt genau: die Essenz wird nichts befürworten, was die Person, zu der ich gehöre, zerstört.

Cindy Wigglesworth, die dieses Modell der 21 Kompetenzen entwickelt hat, nimmt gerne diesen Vergleich: die Essenz sitzt hier am Steuer des Lebenswagens, das Ego ist entspannte Beifahrerin und lässt sich zeigen, wie schön die Welt sein kann.

Ego oder Essenz – wer bist DU?

Noch eine kleine Geschichte von Anthony de Mello, die den Unterschied zwischen dem, worauf Ego und Essenz schauen, hervortreten lassen.

Eine Frau lag im Koma.Plötzlich schien es ihr, als sei sie schon tot, wäre  im Himmel und stände nun vor einem Richterstuhl.
„Wer bist du?“ fragte eine Stimme.
„Ich bin die Frau des Bürgermeisters“ antwortete die Frau.
„Ich habe nicht gefragt, wessen Ehefrau du bist, sondern wer du bist.“
„Ich bin die Mutter von vier Kindern.“ war nun ihre Antwort.
„Ich habe nicht gefragt, wessen Mutter du bist, sondern wer du bist.“
„Ich bin Lehrerin.“
„Ich habe auch nicht nach deinem Beruf gefragt, sondern wer du bist.“
„Ich bin Christin.“
„Ich habe nicht nach deiner Religion gefragt, sondern wer du bist.“
Und so ging es immer weiter. Alles, was die Frau erwiderte, schien keine befriedigende Antwort auf die Frage „Wer bist du?“ zu sein.
Irgendwann erwachte die Frau aus ihrem Koma und wurde wieder gesund. Sie beschloss nun herauszufinden, wer sie war.
Und darin lag der ganze Unterschied.

Sie möchten mehr erfahren?

Die kleine Übungsreihe gibt allererste Impulse, um den „Muskel“ der Spirituellen Intelligenz zu stärken.